SCHÜLER LESEN ZEITUNG I Nils Eilart interviewt seinen Vater Jens, wie er seine Jugend empfunden hat

Jens Eilart wurde am 9. Oktober 1965 in Halle/Saale in der damaligen DDR geboren. Nach seinem Elektrotechnik-Studium arbeitete er bis 1995 bei der Deutschen Reichsbahn (später Deutsche Bahn AG) und ging im selben Jahr in den Westen. Heute arbeitet er bei der Firma Alstom Grid (Frankfurt), ist verheiratet und hat einen Sohn. Mit seiner Familie wohnt er in Mommenheim. Sein Sohn Nils (14), der die achte Klasse des Gymnasiums Nackenheim besucht, hat ihn im Rahmen des Projektes „Schüler lesen Zeitung“ für die AZ zum Thema „Leben in der DDR“ interviewt. Herr Eilart, wie war Ihre Schulzeit? Ich war zehn Jahre in einer polytechnischen Oberschule, musste Hausaufgaben machen, habe mich mit Freunden getroffen. Kurz, ich habe eigentlich dasselbe gemacht wie die Schüler heute. Von Klasse eins bis vier war ich ,,Pionier“, dann wurde ich Mitglied der FDJ (Freie Deutsche Jugend), irgendwann erhielt ich meine Jugendweihe und bekam nach zehn Jahren meinen Abschluss mit ,,Gut“. Gab es Träume, die Sie wegen der Regierung nicht verwirklichen konnten? Ja, gab es. In der DDR gab es eine Friedensbewegung, genauso wie im Westen. Das passte der Regierung nicht, denn sie und nicht die Kirche definierte Frieden. Diese Bewegung hieß „Schwerter zu Pflugscharen“. In dieser Bewegung war ich Mitglied und wurde aufgefordert, meinen Aufnäher (Erkennungszeichen dieser Bewegung, Anm.d.Red.) zu entfernen. Das wollte ich nicht und kurz darauf bekam meine Familie die Nachricht, dass ich kein Abitur machen darf. Dadurch war dann mein Traum, Mikrobiologe zu werden, geplatzt. Haben Sie sich an den Demonstrationen vor dem 9. November beteiligt? Nein, an diesen Demonstrationen habe ich mich nicht beteiligt. Zu dieser Zeit habe ich in Dresden studiert und war noch etwas zu jung und habe mir noch keine großen Gedanken gemacht. Aber verfolgt haben Sie sie doch, oder? Das, was ich miterlebt habe, hat mich schockiert. Ich finde es traurig, dass heute nur noch über Leipzig geredet wird, denn es war auch woanders. In Dresden hat die Polizei mit brutaler Gewalt versucht, die Demonstranten aufzureiben. Da waren aber auch Menschen, die versucht haben, im Dresdener Bahnhof auf Züge zu klettern, um mit nach Prag oder Warschau zu fahren. Und wohin führte Sie Ihre erste Auslandsreise nach dem Mauerfall? Privat bin ich mit meinem Freund Frank für zwei Wochen nach Griechenland, Kreta, in den Urlaub gefahren und beruflich bin ich nach Spanien, Madrid und Sevilla, auf Dienstreise gegangen. Waren Sie glücklich über die Wiedervereinigung? Zu dieser Zeit gab es Initiativen und Versuche, die DDR ökonomisch selbstständig zu betreiben. Der damalige Staatsratsobervorsitzende Hans Modrow wollte erstmal die DDR wirtschaftlich wieder aufbauen und sich nicht bedingungslos der BRD anschließen. Aber die DDR war pleite und ich muss sagen, ich bin froh, dass alles so kam, wie es kam. In der DDR gab es die Militärpflicht. Wie haben Sie das ostdeutsche Militär erlebt? Zum 1. November 1985 bin ich eingezogen worden und war eineinhalb Jahre Soldat. In Erfurt habe ich eine sechswöchige Grundausbildung gemacht und danach wurde ich in ein Fallschirmjägerbataillon nach Bad Salzungen versetzt. Dort wurde ich zum Fallschirmjäger ausgebildet. Manchmal hatte ich Urlaub, dann habe ich meine damalige Freundin besucht. Ich war dann am Ende froh, dass die zweieinhalb Jahre vorbei waren. Wie ist Ihre Meinung heute, fast 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, zur DDR? Nun ja, das, was die Menschen heute über die DDR sagen, dass sie ein Unrechtsstaat gewesen sei und dass unsere Freiheiten sehr beschnitten gewesen wären, das hat schon gestimmt. Aber dass die Stasi jeden aufgefordert hätte, einem nahe stehende Leute auszuspionieren, kann ich nicht bestätigen. Ich bin ja schwer zu übersehen, aber wenn es so gewesen sein sollte, dann haben sie mich wohl tatsächlich übersehen. Heute bin ich froh, dass die DDR nicht mehr existiert und wir in einem geeinten Deutschland leben und dass es von deutscher Seite her keinen Krieg mehr geben sollte. Das Interview führte Nils Eilart.