Wie tapfer man sein muss, wenn beim eigenen Vater plötzlich Krebs festgestellt wird

Ich habe eine Frage: Wie wird man mit einem schwer kranken Elternteil fertig? Und darauf habe ich auch eine Antwort, denn ich erlebe es gerade im Moment mit. Kurz vor den Sommerferien 2008 ging mein Vater zum Arzt. Es fing schon vor langem an: Er klagte über Schmerzen im ganzen Körper. Nichts ahnend ließ er den Arztbesuch aus. Es ist bestimmt nichts Gravierendes, wird schon nicht so schlimm sein, meinte er. Doch das war falsch. Der Arztbesuch vor den Herbstferien sorgte für einen Schock: Verdacht auf Muskelschwäche und Leukämie. Der Schock saß tief, mit so etwas hat unsere Familie nicht gerechnet. Danach folgte ein Termin auf den anderen: Blutspezialisten, Hausarzt und weitere Ärzte.
Zu Schulbeginn kam die Hiobsbotschaft: Mastdarmtumor, Dickdarmpolypen und Anämie. Die Anämie verging nach ein paar Wochen, der Tumor und die Polypen blieben. Nun kam eine schwere Zeit: Bestrahlungen, Chemotherapie und kleine Operationen. Mein Vater verbrachte jeden Tag zu Hause, wenn er nicht für Arztbesuche aus dem Haus war. Die Zeit verging und immer mit der Hoffnung, schon fast mit Selbstverständlichkeit, dass der Tumor kleiner werden würde.
Beim nächsten Arztbesuch der nächste Schock: Der Tumor war kein bisschen kleiner geworden. Die letzten Wochen also praktisch umsonst. Es ist etwas kompliziert: Der ganze Dickdarm muss weg.
Jetzt ist die Frage, wie die Operation ausgeht. Entweder bleibt ein künstlicher Ausgang für immer oder nur vorübergehend Die Hoffnung auf Besserung, dass der Tumor sich etwas verkleinert hätte, wurde damit zerstört. Für uns alle in der Familie war, ist und wird es eine sehr schwere Zeit. Früher nie da gewesene Sorgen waren plötzlich überall, wo man hinblickte. In der Schule tut man so als wäre nichts passiert, nur um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Doch dann fragen alle was denn los sei. Man merkt gar nicht wie ruhig und passiv man geworden ist, genau das was man nicht wollte. Aus meiner Sicht tun meine Eltern auf stark, um uns – meinem kleinen Bruder und mir – keine Angst zu machen, doch für sie selbst ist das psychisch sehr belastend. Meine Mutter muss jetzt stark für Drei sein, für meinen Bruder, mich und für sich selbst. Und das ist schwerer als man glaubt. Meinen Vater, auch wenn er es nicht zeigt, plagt die Angst am meisten.
Die Fragen „Warum ich? Warum ausgerechnet ich?“, sagen alles. In einer Operation kann vieles passieren, vielleicht wird er auch lebenslang behindert sein, vielleicht wird er aber auch „nur“ bis zum Sommer arbeitsunfähig sein. Wer weiß. Für mich ist das Ganze auch nicht leicht. Ich bin eine solche Situation gewohnt, auch wenn sich das sehr schnell ändern muss.
Jedes Mal scheitert der Versuch, meiner Mutter Arbeit abzunehmen, weil sie die zur Ablenkung braucht. Meine Eltern geben sich tapfer, aber die Tränen in ihren Augen erzählen eine andere Geschichte. Ich habe Angst. Angst vor dem, was kommt. Und ich kann auch nicht mit anderen richtig darüber reden. Es fällt mir irgendwie schwer, wogegen das Schreiben viel einfacher ist. Wenn ich meinen Vater besuche, versuche ich über alles Mögliche zu reden, über die Schule, über Kunstprojekte, sogar Matheformeln erkläre ich ihm! Nur, damit es nicht still ist. Doch manchmal gehen auch mir die Ideen aus. Jedes Lachen hört sich meistens nicht echt an, und sofort danach verfällt man wieder in Schweigen.
Meine Mutter, genauso am Boden wie ich, versucht mit mir das Beste aus der Situation zu machen. Mein Vater pflegte immer zu sagen: „Passt schon“, „Wird schon“ oder „Geht schon so“. Aber was bleibt, ist immer die Angst, die Angst um den Mann, die Angst um den Vater.
Sanja Milijas, 8a der Elly-Heuss-Schule