GESPRÄCH Clotilde von Rintelen, Ururenkelin von Alexander Sergejewitsch Puschkin, erzählt

Von Yana Vilgelmi und Jolina Ann Calaunan (Klasse 9c der Gutenbergschule, Wiesbaden)

WIESBADEN. Alexander Sergejewitsch Puschkin ist mit der bekannteste Dichter der russischen Geschichte. Er ist Begründer der modernen russischen Literatur und hat in seinem Leben sehr viele Werke geschrieben, die bis heute jeder Russe kennt. Der Dichter hat vom 6. Juni 1799 (Moskau, Russland) bis zum 10. Februar 1837 (Sankt Petersburg, Russland) gelebt.

Russisch wollte sie schon immer lernen

Hier in Wiesbaden wohnt seine Ururenkelin Clotilde von Rintelen (75). Sie ist eine der wenigen Nachfahren von Puschkin. Russisch wollte die Wiesbadenerin immer lernen und entschied sich dann im Oktober 1991 dazu, zum ersten Mal nach Russland zu reisen. Dazu erhielt sie eine Woche nach ihrem Entschluss eine Einladung zur 180. Jahresfeier des Lyzeums von Puschkin. „Ich bat um eine Gastfamilie in der ich wohnen, und ein Institut, in dem ich lernen konnte. Und innerhalb einer Woche hatte ich beides. Puschkin ist nach wie vor der goldene Schlüssel!“ Heute ist Clotilde von Rintelen Fachärztin und außerdem Vorsitzende der deutschen Puschkingesellschaft, einem literaturwissenschaftlichen Verein. Sie erzählte uns, was die Aufgabe für sie bedeutet: „Sie bringt viel Verantwortung mit sich. Entweder steckt man viel rein und es wird gut oder man gibt sich eben keine Mühe. Puschkin ist ein wichtiges Symbol für die Russen, und nun bin ich für sie ein Symbol von einem Symbol.“ Als Clotilde 16, 17 Jahre alt war, las sie zum ersten Mal die Novellen von Puschkin: „Besonders mochte ich das ‚Fräulein als Bäuerin‘ und die ,Pique Dame‘. Aber was mich immer zu Tränen rührt, ist ja ,Pomnju Chudnoe Mgnovenie‘ (ich erinnere mich an einen wunderbaren Moment), wenn es gesungen wird. Das ist so wunderschön!“ Wir fragten Clotilde von Rintelen, ob sie je daran gedacht hat, auch etwas zu schreiben: „Nein, eher nicht. In Deutsch war ich immer ziemlich schlecht. Doch wenn mich etwas wirklich interessiert hat, konnte ich mich sehr gut ausdrücken und beispielsweise sehr gut Texte verfassen. Ich denke, es gibt eine gewisse genetische Prägung, denn ich habe ein großes Sprachtalent, was man den Russen ja nachsagt.“ Während ihres Lebens erlernte Clotilde von Rintelen aber nicht nur die russische Sprache. „Ich habe mehrere Sprachen erlernen können. Mit Französisch war es so: Die, die nach dem Krieg eine kleinere Familie waren und größere Wohnungen hatten, mussten andere Familien aufnehmen. Wir hatten fünf Zimmer und mussten zwei abgeben. Meine Eltern haben französische Freunde von sich aufgenommen. Sie haben mit mir nur Französisch geredet und somit habe ich die Sprache gelernt. Englisch lernte ich durch unseren amerikanischen Nachbarn, mit dessen Kindern ich manchmal spielte. Und bevor ich letztendlich Russisch lernte, gab es noch Spanisch. Diese Sprache lernte ich, weil mein Vater eine Zeit lang in Argentinien eine Farm hatte, aber eigentlich übte ich diese nur meinem Mann zuliebe.“ Clotilde von Rintelen ging in ihrer Geburtsstadt Wiesbaden auf die heutige Gutenbergschule. „Damals war das das Gymnasium Luisenplatz – eine Jungsschule. Aber das war eine ganz wichtige Erfahrung. Ich habe unglaublich viel durch meine Schulzeit gelernt. Wir waren nur drei Mädchen und 56 Jungs in unserem Jahrgang! 1955 wurde dann das Gymnasium in zwei Teile geteilt. Der eine wurde die Gutenberg- und der andere die Diltheyschule.“ Mittlerweile reist Clotilde von Rintelen seit 1991 jedes Jahr nach Russland. Sie ist auf den Spuren ihrer Vorfahren und beherrscht die russische Sprache nahezu perfekt. Für die Russen ist sie ein Symbol. Und für uns jetzt auch.