TOMS BOOK Friedrich-Ebert-Schüler schnuppern Berliner Luft und schwelgen in „Ostalgie“

Von
Barbara Malik
MAINZ/BERLIN. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ Während für rund 70 Schülerinnen und Schüler der Friedrich-Ebert-Hauptschule in Weisenau ein regulärer Schultag beginnt, besteigen 17 Achtklässler ihr persönliches „Siegertreppchen“: sieben Treppenstufen eines Reisebusses mit Fahrtziel Berlin. In der Hauptstadt sollen sie für ihre Teilnahme an „TOMs Book“, dem Jugendprojekt der Deutschen Zeitungsverlage, das auch von der Verlagsgruppe Rhein Main (VRM) unterstützt wird, ausgezeichnet werden.
Es ist 8.20 Uhr, als sich der Bus in Bewegung setzt. Salim, ein 15-jähriger Marokkaner, fasst die Begeisterung seiner Klasse in Worte: „Es ist ein schönes Gefühl. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir gewinnen. Wir haben mitgemacht, weil es Spaß gemacht hat.“ Angeregt durch Klassenlehrerin Sabine Heinke haben er und seine Klassenkameraden im Unterricht die Zeitung gelesen, Artikel, die sie besonders ansprechend fanden, in ein Zeitungstagebuch („TOMs Book“) geklebt und ihre Auswahl handschriftlich begründet. Dies war den Initiatoren des Projekts, dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und der ZMG Zeitungs Marketing Gesellschaft, besonders wichtig, da sie so Rückschluss über die Lesegewohnheiten, Interessen und Ansichten der Jugendlichen erhalten.
Wenig selbstbewusst hatten die Weisenauer Schüler zunächst reagiert, als sie die Gewinnbenachrichtigung erhielten: „Die haben sich geirrt“, war ihr erster Gedanke, es gebe doch „Größere“, „Höhere“, erzählen sie. Und schließlich hätten auch viele Gymnasien mitgemacht. „Meine Eltern dachten zunächst, ich verarsche sie“, berichtet Patrick. Doch die Entscheidung war korrekt und kam durch das Prinzip Zufall, wahlweise göttliche Fügung oder Allahs Hilfe, zustande: Papierboote fuhren stellvertretend für alle zurückgesandten Tagebücher auf der Spree um die Wette. Das Boot der Mainzer Hauptschüler kam gleichzeitig mit einem Schiffchen von Koblenzer Gymnasiasten ins Ziel, beide Klassen wurden deshalb zu Siegern ausgerufen.
Ein bisschen befangen sind die Mainzer noch vor der ersten Begegnung im „Tollhaus“ im Bezirk Lichtenberg gegen 18 Uhr. Doch wieder werden sie positiv überrascht, denn die Gymnasiasten sind gar nicht voreingenommen. „Dass das Alter stimmt“, war für die Koblenzer entscheidend, berichtet deren Klassenleiterin. Nach kurzem „Beschnuppern“ planschen alle gemeinsam im Pool, „chillen“ und grillen, bevor sie gegen 19.30 Uhr offiziell begrüßt und geehrt werden. Anja Pasquay, Pressereferentin des BDZV, bezeichnet das Projekt als sensationell „für die eigentlich konservative Zeitungsbranche“ und findet es „spannend, welche Gedanken sich die Jugendlichen machen und welche Schlüsse sie ziehen.“ Für Markus Ruppe, Geschäftsführer des ZMG bestätigt das Projekt, dass Jugendliche sich für „normale Themen“ interessieren, aber einen besonderen Zugang brauchen. Deutlich geworden sei ihm auch, dass Kinder mehr Erklärungen brauchen, als ihnen die Zeitungen normalerweise bieten.
Vom „Tollhaus“ geht es gegen 22 Uhr ins „Ostel“, einem DDR-Design Hotel. Munter gehen die Schüler hier ins Bett – und stehen am nächsten Morgen müde auf. Nur Erich Honecker, dessen Bild noch in vielen Zimmern hängt, weiß, wie tief sie in dieser Nacht geschlafen haben.
Nach dem Frühstück besuchen beide Klassen in Freundschaft vereint die Redaktion der „Jungen Welt“, einer überregionalen Berliner Tageszeitung, die Zwei-Tages-Reise hat den „Osten“ als Schwerpunkt.
Bis 16 Uhr bleibt im Anschluss Zeit zum „Sightseeing“ und „Shoppen“ in Berlin. Dann wartet der Bus. Als er nach zehn Stunden Fahrt wieder das Schulgelände in Weisenau erreicht, sind alle erschöpft, aber glücklich. Berlin war schön, aber Mainz sei noch schöner. Die Hauptschule liegt im Dunkeln, die Klassenräume sind verwaist. Rund 70 Schüler liegen bereits in ihren Betten – 17 Rückkehrer sehnen sich noch danach.