Sozialkunde-Kurs des Gymnasiums am Römerkastell ermittelt bei Umfrage an der Schule überraschende Ergebnisse

Die Jugend von heute ist faul, eingebildet und sitzt den ganzen Tag am Computer. Mit solchen Vorurteilen werden Jugendliche oft belegt. Aber stimmt das überhaupt? Was ist Jugendlichen heutzutage wichtig? Woran orientieren sie sich? Wie sehen sie ihre Zukunft? Um diese Fragen zu beantworten, hat ein Sozialkunde-Kurs der Jahrgangsstufe 11 des Gymnasiums „Am Römerkastell“ in Alzey eine Umfrage unter den Schülern durchgeführt. Die Ergebnisse waren teilweise überraschend.
Auffällig ist der sehr hohe Stellenwert von Freundschaft und Familie. Diese beiden Werte werden von allen befragten Schülern als außerordentlich wichtig erachtet. Auf einer Skala von 1 bis 7 erreichte Freundschaft den sagenhaften Durchschnittswert von 6,67, Familie liegt bei den 174 Befragten durchschnittlich bei 6,09.
Lebensstandard unwichtig
Die Hypothese des Kurses unter der Leitung des Referendars Tim Uhl war eigentlich, dass der Genuss des Lebens oder ein hoher Lebensstandard für die Jugendlichen am wichtigsten sind. Aber Genuss liegt erst an der vierten Stelle aller Werte, Lebensstandard abgeschlagen auf Rang 15.
Die größte Überraschung war jedoch die Bedeutung der so genannten alten Werte wie Höflichkeit oder Ehrlichkeit.
„Wir waren auch überrascht, dass Ordnung und Ehrlichkeit für die Schüler am Römerkastell wichtig waren, was man heutzutage eigentlich nicht mehr so erwarten würde“, kommentiert der beteiligte Schüler Kevin unter Berufung auf eine angesehene Sozialwissenschaftlerin: „Denn laut der Theorie von Elisabeth Noelle-Neumann verschwinden diese alten Werte immer mehr aus unserer Gesellschaft. Wir haben genau das Gegenteil mit dieser Umfrage bewiesen.“
Der Sozialkundekurs beschäftigte sich zunächst mit dem Thema Wertewandel. Dazu haben die Schüler zuerst zwei verschiedene Theorien bezüglich des Wertewandels betrachtet, welche circa vor 30 Jahren veröffentlich wurden und sich auf die heutige Zeit beziehen. Um diese Theorien zu überprüfen, hat der Kurs dann eine Umfrage an der eigenen Schule durchgeführt.
„Bevor wir den Umfragebogen konstruiert haben, beschäftigten wir uns mit den sozialwissenschaftlichen Theorien von Elisabeth Noelle-Neumann und Ronald Inglehart“, so eine Schülerin des Kurses.
Zwei Theorien
Ingleharts Theorie besagt, dass der wirtschaftliche Aufschwung zu postmateriellen Werten führt wie z.B. Umweltbewusstsein, politisches und soziales Engagement. Im Gegensatz zu Ingleharts positiver Sicht der Entwicklung der Werte sieht Noelle-Neumann die Entwicklung der Werte eher als einen Werteverfall, das heißt, die alten Tugenden wie zum Beispiel Fleiß, Höflichkeit und Disziplin verlieren dramatisch an Bedeutsamkeit.
Der Verfall der alten Werte konnte also unter den Alzeyer Jugendlichen nicht bestätigt werden. Aber auch die andere Theorie, die sagt, dass sich die Menschen immer mehr an Werten wie Umweltbewusstsein oder politischem Engagement orientieren, wurde nicht ganz bestätigt. Umweltbewusstsein erreicht auf der Skala einen Durchschnittswert von nur 4,42. Politisches Engagement schätzen die Alzeyer Schüler noch geringer für ihr Leben: Nur Konformität (das tun, was alle tun) ist noch unbedeutender für die Befragten.
Außerdem am Ende der Rangliste ist Religion zu finden. Die Wichtigkeit der Orientierung an Gott schätzten die 174 Schüler bei sich selbst durchschnittlich bei nur 3,53 Punkten ein.
Ebenfalls kaum eine Rolle spielt die Vaterlandsliebe im Leben der Schüler. Patriotismus bekommt nur eine durchschnittliche Bewertung von 3,98.
„Sind Eltern ein Vorbild für deine Lebensführung“ lautete unter anderem eine weitere Frage im Fragebogen, den der Kurs selbständig erarbeitet hatte und an den Computern der Schule auswertet hat. Bei dieser Frage ist das Alter der Befragten entscheidend. Bei den jüngeren Jugendlichen zwischen 13 und 14 Jahren stehen zirka 25 Prozent der Befragten „voll und ganz“ hinter ihren Eltern. Anders bei den Älteren (ab 15). Hier ist deutlich weniger Zustimmung für die Eltern zu verzeichnen, nur noch 13 Prozent stimmen für die Kategorie „voll und ganz“. Die beiden Negativ-Werte „überhaupt nicht“ und „weniger“ bekommen im Gegenzug mehr Zuspruch. Wo bei den Jüngeren nur 1,5 Prozent überhaupt keine Vorbild-Funktion in den Eltern sehen, sind es bei den über 15-Jährigen schon 6,6 Prozent.
Eindeutiger Trend
Daraus lässt sich ein relativ eindeutiger Trend ableiten: Ältere hinterfragen die Eltern mehr und zweifeln deren Vorbildfunktion für ihr Leben mehr an als ihre jüngeren Mitschüler, also nimmt die Ablehnung mit dem Alter zu.
Alles in allem war die Erkenntnis der Umfrage aber eindeutig: Die Jugend scheint besser als ihr Ruf zu sein.