Schülerinnen interviewen zwei Bewohner des Fransecky-Stifts

Vielseitig sind die gesammelten Erfahrungen von Christine Haas (100) und Josef Wagner (94), die wir im Altenheim Fransecky-Stift in Erbach besuchen durften. Im Fokus unseres Gespräches lag vor allem der Zweite Weltkrieg, der von beiden bewusst miterlebt wurde. Den Besuch im Altenheim kann man für uns als eher ungewöhnlich beschreiben. Auch für die befragten Bewohner war es eine neue Situation, von drei Zehntklässlerinnen der Rheingauschule in Geisenheim interviewt zu werden. Es erwies sich als sehr interessant, bereits im Geschichtsunterricht Gelerntes mit den Erzählungen zu verbinden.
Christine Haas, die am 30. März ihren 100. Geburtstag feierte, erinnerte sich für uns zunächst an den Ersten Weltkrieg zurück und berichtete von der Fabrikarbeit, die von vielen Frauen in der Andreas-Müller-Fabrik in Eltville verrichtet wurde, auch von ihrer Mutter, während ihr Vater in Russland stationiert war.
An Christine Haas‘ und Josef Wagners Schilderungen der Zeit konnte man deutlich die verschiedenen Tätigkeiten und Wahrnehmungen von Mann und Frau erkennen. Während Wagner als Soldat an der Front kämpfte, erlebte Christine Haas den Krieg im Rheingau.
Leben an der Front
Nach einer sehr harten Militärausbildung 1936 wurde Josef Wagner 1939 eingezogen und war bis 1941 an der Westfront in Frankreich stationiert. Durch den Kontakt mit der französischen Zivilbevölkerung lernte er ihre Sprache und beherrscht diese bis heute noch sehr gut. Christine Haas arbeitete zu dieser Zeit in Wiesbaden. Zuerst in einem Modehaus, später in einem Lebensmittelgeschäft. Nachdem sie und eine Kollegin aus dem Modehaus entlassen wurden, um einem lebensnotwendigeren Bereich zugeteilt zu werden, bekam sie das Angebot, als Nachrichtenhelferin nach Frankreich versetzt zu werden, welches sie jedoch ablehnte.
Auf dem Heimweg mit dem Zug von ihrem Arbeitsplatz in Wiesbaden zu ihrem Wohnort Eltville kam es häufig zu Bombenalarm, bei dem alle Passagiere die Züge verlassen und in den nächstgelegenen Luftschutzbunker ausweichen mussten. Nicht selten kam es zu schneller Entwarnung und zu einem erneuten Alarm, sodass man mehrmals vom Zug zum Bunker und wieder zurück laufen musste. Christine Haas erinnerte sich vor allem an einen Luftschutzkeller, der sich unter dem Marktplatz in Wiesbaden befand und in dem die Marktfrauen ihr Gemüse und die anderen Waren unterirdisch lagerten.
Auch Josef Wagner verbrachte drei Jahre während des Kriegs in Erbach im Rheingau und arbeitete bei der Bahn, bis er schließlich 1944 wieder an die Front musste. Er war einige Zeit in Russland stationiert, wo er auch Sanitätsdienst verrichtete und am Fuß verletzt wurde. Ein Eisensplitter, der bei einer Granatenexplosion in die Luft geschleudert wurde, brach ihm drei Mal den Fuß. 1945 wurde er zum Ende des Kriegs nach Lohr am Main versetzt, wo er auch in amerikanische Gefangenschaft geriet. Josef Wagner selbst beschreibt die Gefangenschaft als ertragbar, da er als Küchenhilfe eingesetzt wurde und mit Hilfe eines großzügigen Sergeanten immer eine doppelte Essensration bekam. Erst am 6. März 1946 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen.
Mit Nazis nichts im Sinn
Die Judenfeindlichkeit bekamen beide in ihren Heimatorten durch befreundete jüdische Familien zu spüren. So floh die jüdische Kaufmannsfamilie, die gegenüber von Christine Haas lebte, wegen Boykotts. Josef Wagner half nach der Reichskristall-Nacht einem jüdischen Viehhändler, seinen Stand aufzuräumen. Für die Politik Hitlers interessierten sich weder Josef Wagner noch Christine Haas. „Wir haben uns nichts aus denen gemacht“, sagt Christine Haas. Auch Josef Wagner erzählt uns, er habe stets mit seinem Glauben begründet, dass er in keine Partei eintreten wolle.
Sabine Baumgarten, Katharina Schlepper und Jelena Zetzsche, 10 b Rheingau-Schule Geisenheim