SCHÜLER LESEN ZEITUNG Gespräch mit den Besitzern einer weißen Villa in der Bingertstraße

Von Philip Everhart, Klasse 9c der Gutenbergschule

WIESBADEN. Ich wohne gegenüber einem außergewöhnlichen, architektonisch bedeutenden und wunderschönen Haus. Ich rede von einem Jugendstil-Juwel in Wiesbaden. Mit der Besitzerin und dem Besitzer, die namentlich nicht genannt werden möchten, habe ich mich getroffen. Bei der Frage, wieso der Besitzer sich 1986 entschieden hat, ausgerechnet diese Villa zu kaufen, kam die Antwort, dass er ein großer Liebhaber des Jugendstils ist. Auf die Frage, wieso ausgerechnet diese Villa in der Bingertstraße als das Jugenstil-Juwel von Wiesbaden bezeichnet wird, und wieso sogar der ehemalige Präsident der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, über die Villa sagte: „Es ist ohne Zweifel die qualitätsvollste und ausgeprägteste Schöpfung des Jugendstils in Wiesbaden“, gab es eine einfache Antwort: „Es ist die Einzige ihrer Art.“

1901 und 1902 von Josef Beitscher erbaut

Die Villa trägt den Namen „das Weiße Haus” (nicht zu verwechseln mit dem Weißen Haus in der Paulinenstraße), weil sie aus weißem Sandstein gebaut ist. In der Villa findet man alle Elemente des Jugendstils, wie Wandfriesen, Stuckdecken, Eckpylonen mit grotesken Masken, und überall die vegetabilen, figuralen und mythologischen Dekorationselemente. Zu der Geschichte der Villa erzählt mir die Besitzerin folgendes: Das Haus wurde 1901 und 1902 vom deutsch-ungarischen Architekten Josef Beitscher (1862-1956) für seine Familie erbaut. Das Haus wurde außerhalb des Stadtzentrums errichtet, umgeben von Feldern, weil der häufige Wiesbaden- Besucher Kaiser Wilhelm II den Jugendstil nicht mochte. Die Villa kam nach einigen Jahren in die Hände eines Bergwerk-Direktors, der dort mit seiner Familie lebte. Offiziere der deutschen Wehrmacht zogen während des Zweiten Weltkriegs ins Haus; nach 1945 wurden amerikanische Armeeangehörige einquartiert. Als Antwort auf die Wohnungsnot der 50er Jahre wurde das Haus in mehrere Wohnungen aufgeteilt. Im Park wurde ein weiteres Objekt erbaut. Wie es der Zufall wollte, diente dieses neue Haus dazu, die Villa zu „verstecken“. Aus diesem Grund wurde sie bei Aufstellung der Denkmalliste „übersehen“. Das Haus sollte in den 60er Jahren abgerissen werden. Doch der Stadtverordnete Dieter Wallenfels, der das Nachbarhaus bewohnte, setzte sich für die Rettung des Objekts ein. Vor allem mit der Hilfe des Architekten Friedhelm Gerecke, damals Kurator der Kurhausorgel, gelang es Wallenfels, die Villa unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Der neue Besitzer, Friedhelm Gerecke, begann eine sehr behutsame Sanierung der Villa.

Erworben im desolaten Zustand der 50er Jahre

Von einem weiteren Besitzer, der das Haus in den 80er Jahren einige Jahre lang bewohnte, ist nur wenig bekannt. 1986 wurde sie vom jetzigen Besitzer, einem großen Liebhaber der Jugendstil-Epoche, erworben, und zwar im desolaten Zustand der 50er Jahre. Das Haus musste nun laut Denkmalschutz in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Dabei wurden die Spuren der 50er Jahre beseitigt und es wurde neu aufgeteilt: Die Küche aus dem Keller in den ersten Stock versetzt, die Zimmer des einstigen Hauspersonals im zweiten Stock wurden entfernt, damit neuer Wohnraum entsteht. Noch ein wichtiges Moment: Die Leitungen für Strom, Gas und Wasser mussten alle ersetzt werden. Als die aufwendige Arbeit erledigt waren, stand die Villa in alter Pracht da, als hätte man die Uhren um fast 100 Jahre zurückgedreht. Die Wiesbadener können stolz sein, ein solches Juwel in der Nachbarschaft zu haben. Ich zähle mich zu den Glücklichen, die sie jeden Tag bewundern können.