Schüler prügeln sich nicht häufiger als früher – aber brutaler

HOFHEIM Statistiken haben ergeben, dass sich die Schüler heutzutage nicht öfter als früher verprügeln, aber dafür brutaler. Perspektivlosigkeit soll der Grund sein.
Die Gewalt an Schulen ist zu einem ernstzunehmenden, sozialen Problem geworden. An vielen Schulen schlagen und „mobben“ sich Schüler. Weshalb verprügeln sich Schüler gegenseitig, an Orten, an denen sie für ihre Zukunft lernen sollen? Eine Frage, die sich viele Forscher, Eltern und vor allem Lehrer stellen.
Diese Gewalttaten werden, nach Angaben der Schüler, während der Schulzeit in den Pausen, Freistunden oder nach der Schulzeit begangen. Nach einer schlimmen Erfahrung beschreibt der 13-jährige Jan aus einer Großstadt: „Sie haben mich auf die Straße geschmissen und dann versucht, mich in eine Mülltonne zu stopfen.“ Andere Schüler haben zugesehen, aber geholfen hat keiner. Ende 2002 wurde der Realschüler im Schulbus von einem Jungen grundlos angegriffen. Jan kam mit schweren Prellungen am Auge nach Hause. Verzweifelt erzählte er seinen Eltern, was vorgefallen war. Sie waren geschockt und wussten ihrem Sohn nicht zu helfen. „Die ganze Familie ist betroffen. Man fragt sich: Warum unser Kind? Man sucht die Fehler beim Kind, und man sucht sie bei sich selbst“, erklärt die Mutter des Jungen. Die Eltern wollten die Gewalt, die ihr Sohn erfuhr, nicht einfach hinnehmen. Sie erstatteten Anzeige wegen Körperverletzung. Die Ermittlung wurde eingestellt, weil der Täter unter 14 Jahren ist.
Jan lernt jetzt in einem Selbstverteidigungstraining, sich zu wehren. So genannte Streitschlichter hätten dem Jungen damals helfen können. Sie sind Schüler, die in die neunte Jahrgangsstufe gehen und eingreifen, wenn es Zoff gibt. Ein ganzes Jahr werden Schüler der neunten Klassen zu solchen Streitschlichtern ausgebildet. Sie versammeln Zeugen, Täter und Opfer an einem Tisch. Dabei gelten drei strenge Regeln: Zuhören, ausreden lassen und nicht beschimpfen. Ziel ist, dass der Streit nicht eskaliert und die Gewalttäter mit den Taten aufhören und zur Vernunft kommen.
Bei einer Umfrage in Bochum, bei der 4 000 Achtklässler befragt wurden, gab die Hälfte der Schüler an, dass man praktisch verpflichtet sei zurückzuschlagen, wenn man wörtlich oder körperlich angegriffen wird. 60 Prozent der Befragten meinten, dass die eigene Ehre in jedem Fall verteidigt werden müsste. Das verletzte Ehrgefühl ist oft ein Auslöser von Gewalttaten an Schulen. Die Schüler haben anscheinend kein Vertrauen in die Zukunft und sind daher unsicher. Die Folge: sie reagieren intensiver auf Beleidigungen.
Jacqueline Wiegand und Michelle Thümmler, Klasse 8e der Main-Taunus-Schule, Hofheim