BORDERLINE-SYNDROM Gefährliche Persönlichkeitsstörung bei Schülern

Von Yassmine Maghnoune
und Laura Stenner
ALZEY. „Ich schaue mich um, es ist keiner da. Ich greife neben mich und nehme das Messer in die Hand, danach spüre ich nur noch ein Ziehen und den darauf folgenden Schmerz. Wir heißen Hannah und Chantal (Namen von den Autorinnen geändert), sind beide 14 Jahre alt und Schülerinnen. Wir beide verletzen uns schon seit einigen Jahren selbst. Der Griff zum Messer ist für uns schon eine Alltagssituation geworden.“
Die Selbstverletzung ist ein Anzeichen für das Borderline-Syndrom. Der Begriff lässt sich mit „Grenzlinie“ oder „grenzwertig“ übersetzen. Das Borderline-Syndrom ist eine Persönlichkeitsstörung; Ursachen, die für die Entstehung des Syndroms verantwortlich sein könnten, sind umstritten: Wissenschaftler halten es für möglich, dass Borderline-Erkrankte oft aus so genannten chaotisch-instabilen Familien kommen oder aus vernachlässigenden und emotional missbrauchenden Familien. Erstgenannte Familien zeichnen sich durch häufige Ehekrisen, Streitigkeiten innerhalb der Familie oder auch Alkoholmissbrauch aus, zweite durch Gefühlskälte gegenüber dem Kind, Vernachlässigung oder auch frühe Trennung der Eltern. Dennoch gibt es auch viele Erkrankte aus vollkommen intakten Familien.
„Meine Freundin Hannah und ich verletzen uns schon seit Jahren selbst. Einmal meinte sie, dass ihre Arme schon wie die Landkarten einer psychischen Krise aussehen“, sagt Hannah.
Erkrankte des selbstverletzenden Verhaltens (kurz SVV) stehen häufig unter zu viel Druck seitens der Familie oder der Schule, haben viel Stress und sehen keinen anderen Ausweg, als sich selbst zu verletzen. Manchmal führen diese Selbstverletzungen zu Suizid-Versuchen.
Chantal: „Manchmal spiele ich mit dem Gedanken alles zu vergessen und vom Leben los zu lassen. Oft sagt Hannah zu mir: `Die Narben erinnern mich immer an meine Taten` – ich bin aber der Meinung, dass ich dadurch von einer Last befreit werden kann. Den inneren Schmerz, den man fühlt, durch das Ritzen zu überdecken.“
Personen, die sich selbst verletzen, werden ein Leben lang die Narben an ihrem Körper haben. Auch die Probleme, deren Schmerz man durch das Ritzen überdecken will, verschwinden nicht. „Wenn euch eure Kinder eines Tages einmal fragen, woher die Narben an eurem Körper kommen, werdet ihr euch für eure Taten in eurer Jugend schämen“, sagen Mitschüler.
„Die merkten am Anfang nichts, doch als sie es bemerkten, kamen nur Sprüche, wie `Ihr spinnt doch` oder `Ich könnte mich nie verletzten`, sagt Hannah. „Aber wahrscheinlich wussten sie nicht, wie sie uns helfen sollen. Sie können es nicht verstehen, doch eine unserer Freundinnen versucht es. Sie leidet sehr darunter, dass wir uns selbst verletzen. Sie will uns helfen, doch sie kann es nicht. Verschlossenheit – wir wollen unsere Gefühle nicht preisgeben – ist unsere Einstellung.“
Bekommen Schüler mit dem Borderline-Syndrom die Chance für Hilfe, sollten diese sie annehmen. „Wir sagen es für alle, die sich selbst verletzen. Aber was sollten Mitschüler unternehmen, wenn sie merken, dass ihre Freunde sich ritzen?“, meint Chantal.
Erstmals sollten sie zum Vertrauenslehrer gehen und sich diesem anvertrauen, da Ritzen ein sehr ernstzunehmendes Symptom für eine psychische Krankheit ist. „Steht eurem Mitschüler in jedem Fall zur Seite, seid für ihn da und redet mit ihm, lasst ihn nicht alleine oder lasst ihn sich nicht einsam fühlen. Versucht, die betreffende Person zu überzeugen, dass sie dringend Hilfe braucht.“