AKTION Berufsschüler erleben den Alltag auf einer großen Baustelle

WIESBADEN. Reiner Schauss und Toni Wozniczka sind angenehm überrascht. „Ich hätte gedacht, wir bekommen jetzt einfach von außen ein bisschen was über die Baustelle erzählt“, sagt Schauss, Ausbilder im Fach Metall beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft. Er und Wozniczka sind für ein Dutzend Jugendliche verantwortlich, die gerade ihr Berufsvorbereitungsjahr in einer zehnmonatigen geförderten Maßnahme absolvieren.

Dann lässt aber Markus Allendorf, Geschäftsführer der Gemünden- Bau, erst mal eine Kiste Bauhelme holen. „Wir gehen richtig in den Rohbau rein“, sagt der Mann mit dem kräftigen Händedruck, dem man die langjährige Erfahrung auf dem Bau sofort abnimmt. Die Gruppe, die während des Projekts „Schüler lesen Zeitung“ die Baustellenführung angeboten bekam, setzt sich noch ein bisschen zögerlich die Helme auf. Allendorf führt sie in den Rohbau eines Gebäudes für den Landesverband des Kraftfahrzeuggewerbes, das die Firma Gemünden in der Straße Am Landeshaus baut. Allendorf und Bauleiter Jochen Rübenach sowie Polier Sören Diemann haben sich eine Stunde Zeit genommen, um für ihren Beruf Werbung zu machen. Denn es ist zurzeit schwierig, Auszubildende für das Handwerk generell und das Bauhandwerk im Besonderen zu gewinnen. Zehn Maurer und drei Bürokaufleute werden jedes Jahr in der Ingelheimer Firma ausgebildet, „aber geeignete junge Leute sind rar“, so Allendorf. Viele schreckt der anstrengende Beruf ab, und das Handwerk ist für manche keine Alternative zum Studium. „Aber es bietet so viele Vorteile“, erklärt der Geschäftsführer der Firma, „und Aufstiegsmöglichkeiten: Ich selbst habe vor 40 Jahren bei dieser Firma mit der Schubkarre angefangen. Jetzt bin ich der Chef.“ Und so sei es vielen Gesellen ergangen, die bei Gemünden ihre Ausbildung absolvierten, später die Meisterschule besuchten und nun ihre eigenen kleinen Firmen hätten. Rübenach hat ein Ingenieursstudium drangehängt und ist nun in leitender Funktion tätig. Und anstrengend – klar ist es das, aber es gebe mittlerweile viele Hilfsmittel, berichtet er. „Sie dürfen nur noch Lasten bis 25 Kilo heben. So sind auch die Baustoffe mittlerweile verpackt. Für alles andere gibt es Kräne.“ Was für viele eine Hürde darstellt, ist das frühe Aufstehen. „Wir treffen uns morgens um 6 Uhr und fahren auf die Baustellen, wo um 7 Uhr angefangen wird. Im Sommer sogar früher, damit wir die Mittagshitze vermeiden“, gibt Allendorf zu. Doch er wirbt mit Herzblut für seine Branche: „Wo sonst können Sie wirklich jeden Tag sehen, was Sie gemacht haben – immer, wenn Sie an einem Gebäude vorbeifahren, das Sie mitgebaut haben, können Sie doch darauf stolz sein.“ Und abwechslungsreich sei der Beruf obendrein. Die Schüler bekommen auch ganz praktische Einblicke. Sie messen millimetergenau aus, bekommen die Baupläne und die Abstützung einer Baugrube erklärt. Zwei Arbeiter demonstrieren, wie ein Stück Deckenverschalung eingesetzt und abgestützt wird. „Handwerk hat wirklich goldenen Boden“, sagt Allendorf. „Sie können als guter Handwerker wie in fast keiner anderen Branche sicher sein, dass Sie davon auch in Zukunft gut leben können.“